Frankfurter Industriegeschichte lebendig halten: Alte Schleifmittelmaschine ist zurück in der NAXOS-Halle

Nach Jahrzehnten steht die historische Innenschleifmaschine der NAXOS-UNION wieder in der Naxoshalle in Frankfurt – bereit, ihre Geschichte zu erzählen und an das einstige Unternehmen der Familie Pfungst zu erinnern. Was die Rückkehr des tonnenschweren Originals für das heute in der ehemaligen Maschinenhalle ansässige Produktionshaus NAXOS bedeutet, das erzählt Technischer Leiter Nils Wildegans.

Bild: Produktionshaus NAXOS


Interview

Mit Nils Wildegans

Was ging Ihnen durch den Kopf, als die Schleifmaschine im Januar in die Frankfurter Naxoshalle zurückkehrte?
Der schönste Moment war, als der LKW geparkt hatte und die Plane der Ladefläche aufgezogen wurde. Die Maschine wirkte fast ein wenig verloren auf der riesigen Ladefläche des LKW, der sehr früh am Morgen in Freital (Sachsen) aufgebrochen war. Als die Maschine ins Foyer gebracht war, wirkte sie an ihrem neuen Platz als hätte sie dort schon immer gestanden. Sogar die grüne Lackierung der Maschine und die grüne Lackierung der Stahlträger der Halle sind identisch und man könnte vermuten, dass sie vor beinahe einem Jahrhundert aus dem gleichen Farbtopf getrichen wurden. Ich fragte mich, wie die Maschine wohl damals das Frankfurter Werk verlassen hat –vermutlich mit LKW und Güterzug ab dem Ostbahnhof –, welche Menschen die Maschine hergestellt haben, was damit gefertigt wurde und wer sie gekauft hat. Ich hoffe dass sich auch unsere Besucher*innen diese oder ähnliche Fragen stellen werden.

Sie haben die Maschine vor der Verschrottung bewahrt. Wie sind Sie an die alte Schleifmaschine gekommen?
Im Oktober des vergangenen Jahres schrieb uns die Firma Mechanische Werkstätten Suschke aus Freital im Osterzgebirge eine Email. Nachdem die Maschine für einen speziellen Auftrag vor vielen Jahren gebraucht gekauft worden war, sollte sie nun Platz für andere Maschinen machen. Leider fand sich kein Käufer und die letzte Möglichkeit wäre die Verschrottung gewesen. Glücklicherweise recherchierten die Besitzer die Herkunft der Maschine und fanden das Produktionshaus NAXOS. Der Transport und die Aufstellung der Maschine waren mit einigen Herausforderungen verbunden, die Sie souverän gemeistert haben.

Worin bestand die größte Herausforderung?
Erst nach und nach bekam ich alle Infos zur Maschine, auch die Maße und das Gewicht. Niemand wusste genau, wieviel die Maschine wiegt, bevor sie in Freital von ihrem angestammten Platz mittels Kran gehoben und dann gewogen wurde. Dass es über drei Tonnen sind, war eigentlich das größte Problem, deshalb wurde der Transport und die Aufstellung erheblich teurer als zunächst angenommen. Deshalb musste zuerst ein Spendenaufruf gestartet werden, um überhaupt die Zusage an die Firma Suschke geben zu können. Aus unserem knappen Budget hätten wir die Aufstellung der Maschine nicht finanzieren können. Über die großartige Resonanz zu unserem Spendenaufruf, die Verbreitung durch die Presse und die Unterstützung der KulturRegion FrankfurtRheinMain sowie der Dr. Arthur Pfungst-Stiftung und vieler anderer haben wir uns sehr gefreut.

 

»Die Maschine trägt, wie das Haus selbst, die Spuren der Arbeit von fast einem ganzen Jahrhundert.«

 

Welche Bedeutung hat die Rückkehr der alten Schleifmaschine für das Produktionshaus NAXOS und für die Erinnerung an die industrielle Geschichte der NAXOS-UNION?
Wir sehen uns in unserer kulturellen Arbeit verpflichtet, auch die Geschichte des Ortes und der Firma NAXOS-UNION selbst sichtbar zu machen. Die Schleifmaschine an ihrem neuen prominenten Standort im Foyer ist weniger industrieromantische Dekoration, sondern vielmehr ein authentisches Relikt der industriellen Vergangenheit des Ortes, das exemplarisch das Produktportfolio der NAXOS-UNION veranschaulicht.

Warum ist es Ihnen wichtig, industrielle Vergangenheit sichtbar zu erhalten?
Neben der wiederkehrenden inhaltlichen Beschäftigung mit der Vergangenheit der Naxoshalle als Thema künstlerischer Arbeit, ist die niedrigschwellige Erfahrbarmachung der industriellen Geschichte für alle Menschen ein wichtiges Anliegen. Wir verstehen uns als offenes Haus für Kultur, aber auch als Gedenk und Lernort, der Räume für politische und künstlerische Bildung bietet. Die Maschine trägt, wie das Haus selbst, die Spuren der Arbeit von fast einem ganzen Jahrhundert. Es sind solche Orte und Maschinen, z.B. der große Hallenkran, der Keller, der stillgelegte Lastenaufzug oder auch die Schleifmaschine, die als Anknüpfungspunkte für eine Auseinandersetzung mit dem Ort und seiner Geschichte einen guten Einstieg ermöglichen.

Welche Reaktionen haben Sie bisher von der Öffentlichkeit bzw. von Besucherinnen und Besuchern erhalten?
Stammbesucher*innen bemerken sofort die Veränderung im Foyer, aber auch andere Gäste fragen häufig, wie wir zu der Maschine gekommen sind oder ob sie schon immer an ihrem Platz steht. Eine provisorische Texttafel erklärt knapp die technischen Daten und die Geschichte der Maschine.

Wie planen Sie die Schleifmaschine künftig in das Produktionshaus NAXOS und seine kulturellen Aktivitäten einzubeziehen?
Zurzeit arbeiten wir an einer passenden technischen Beschreibung, die erklärt wie die Maschine funktioniert und für welche Arbeiten sie genutzt wurde. Eine Tafel mit Reproduktionen von Katalog-Abbildungen der „WJ2“ und Erläuterungen in deutsch,
englisch und leichter Sprache wird an der Maschine angebracht werden. Darüber hinaus gehen wir davon aus, dass die Maschine im Rahmen von Theater, Tanz oder Performance einbezogen werden wird. Dazu bietet vielleicht schon im kommenden Herbst die Produktion „ARTHUR & MARIE. Die Erfindung der Industriellen Evolution“ des Theater Willy Praml eine Möglichkeit. Dieses Theaterstück als Gelände-Begehung des Naxos-Areals beschäftigt sich mit dem Geschwisterpaar Pfungst auf dem Weg ihres Unternehmens in die Moderne und mit einer Weltfirma, die ihren Gewinn durch eine Stiftung der Volksbildung widmet.

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