Entwickleralltag in einem Tech-Konzern: Praktikum bei SAP in Singapur
Für mehrere Monate tauschte Stipendiat Anton Kaiser Deutschland gegen Singapur. In seinem Bericht erzählt er von der Arbeit in einem globalen Entwicklerteam, seinen Erfahrungen in Südostasien und gibt Einblicke in den KI-Prototypen, an dem er während seines Praktikums mitgearbeitet hat.

Bild: Privat
Erfahrungsbericht
von Anton Kaiser
Wenn man an Singapur denkt, hat man oft das Bild einer futuristischen Metropole mit blitzblanken Straßen und beeindruckenden Wolkenkratzern im Kopf. Die Stadt hat den Ruf, eine „Fine City“ mit strengen Regeln zu sein. Ein berüchtigtes Beispiel dafür ist das Kaugummi-Verbot: Wer einen Kaugummi auf die Straße spuckt, riskiert schnell eine Strafe von 1.000 SGD (knapp 700 Euro). Genau auf diese Stadt voller spannender Widersprüche ließ ich mich ein, als ich im September 2025 meinen Campus am Hasso-Plattner-Institut (HPI) in Potsdam gegen Südostasien eintauschte, um ein Praktikum bei SAP zu absolvieren. Dass Singapur ein teures Pflaster ist, bewahrheitete sich spätestens bei der Wohnungssuche. Ich landete in einem winzigen Abstellraum ohne Fenster innerhalb einer 5er-WG – für stolze 1.250 SGD (knapp 850 Euro) im Monat. Mit einem Bett, einem kleinen Tisch und einem Hängeschrank war der Platz auf fünf Quadratmetern maximal ausgenutzt. Auch das Thema Lärmschutz wird dort etwas lockerer gesehen. Bauarbeiten begannen pünktlich um 8 Uhr morgens, auch samstags. Wenn nachts dann noch die Nachbarn direkt hinter meiner schlecht gedämmten Tür die Waschmaschine anwarfen, hatte selbst ich als absoluter Tiefschläfer anfangs einige Probleme, zur Ruhe zu kommen. Doch diese kleinen Hürden gehören zum Abenteuer dazu und wurden durch die übrigen Erfahrungen mehr als wettgemacht.

Anton Kaiser | Stipendiat, IT-Systems Engineering (Master), Universität Potsdam
»Singapur ist ideal, um internationale
IT-Erfahrungen zu sammeln und über
sich hinaus zu wachsen.«
Am 15. September 2025 hat mein Praktikum bei SAP offiziell begonnen. Der Einstieg erfolgte klassisch mit einem IT-Onboarding und Compliance-Schulungen. Mein Team arbeitet an einem Produkt namens „Document AI“, das die Verarbeitung von Geschäftsdokumenten mithilfe von KI automatisiert. Sobald ein Dokument hochgeladen wird, extrahiert es automatisch jegliche gewünschten Informationen, beispielsweise Rechnungsnummern oder Kundenadressen. Mein Team saß zwar komplett in Singapur, das Produkt wird jedoch international an weiteren Standorten wie Deutschland und Indien entwickelt. In einem riesigen Tech-Konzern stellt die Dokumentation oft eine besondere Herausforderung dar. Gerade in älteren Projekten waren die Anleitungen in den README-Dateien häufig lückenhaft oder veraltet. Die relevanten Informationen existierten zwar meistens, aber man musste erst einmal die richtige Person finden, die die entscheidenden Schritte kannte, um ein Projekt zum Laufen zu bringen. Die eigentliche Hürde bestand darin, in der Anfangsphase den Mut aufzubringen, die richtigen Fragen an die richtigen Leute zu stellen, während man sich selbst noch komplett orientieren musste. Nach gut drei Monaten im Praktikum platzte schließlich der Knoten. Ich hatte mich mit den Themen und meinem Team vollends angefreundet und war fest in den Entwickleralltag integriert. Fortan bearbeitete ich reguläre Tickets im Backend mit Python und Java – vom Schreiben von Performance-Tests bis hin zu kleineren Features. Besonders spannend war das neue „CustomLLM“-Feature. Es ermöglicht Kund:innen, flexibel eigene KI-Modelle und Prompts zu wählen, statt auf SAP-Standards angewiesen zu sein. Hier durfte ich einen Entwurf für ein technisches Detail erarbeiten und die Argumentation in einem „Architecture Decision Record“ (ADR) festhalten, sodass die Entscheidung auch in Zukunft nachvollziehbar bleibt. Der Stolz war riesig, als dieser Prototyp im November unserem CTO Philipp Herzig erfolgreich vorgestellt wurde! Im Januar ging es nahtlos weiter: Für einen Consultant testete ich diesen Prototypen für die komplexen Dokumente eines Eisenbahnunternehmens, das für seine Pünktlichkeit bekannt ist, als Vorbereitung für einen Hackathon Ende März. Trotz dieser Meilensteine blieb genug Raum für die Work-Life-Balance. Ich nutzte fast jedes Sportangebot von SAP: Bouldern, Badminton und zum ersten Mal auch Tennis, Dragonboat und Pickleball, wobei ich bei Pickleball sogar an einem Corporate Turnier teilnehmen durfte.
Die größte Ausnahme bei den Lebenshaltungskosten in Singapur sind die lokalen Hawker Center, also Essensstände, die sich meist auf ein oder wenige Gerichte spezialisieren und diese sehr günstig anbieten. Dadurch musste ich nie kochen und konnte mich durch das riesige Angebot probieren: japanisches Tonkatsu bei „Maruhachi“, Cai Fun (Mixed Veg Rice, eine Asia-Buffet-ähnliche Auslage von vorbereiteten Gerichten, bei der man sich immer wieder etwas anderes zusammenstellen kann) oder das unschlagbare Thai-Mittagsmenü um die Ecke. Am Wochenende zog es meinen HPI-Kommilitonen und mich oft ins „Fortune Center“, eine Mall, die ein wahres Paradies für Vegetarier ist – in Singapur eine Seltenheit, da Gemüse oft nur als winzige Dekoration existiert und sehr viel Fleisch gegessen wird.

Bild: Privat
Die Reisen in die Region waren besonders bereichernd. In Taiwan besuchte ich Freunde, die ihr Auslandssemester dort verbrachten, und erkundete Taipeh sowie die malerischen Orte Houtong und Jiufen. In der Guangzhou-Region faszinierte mich vor allem Shenzhen als beeindruckende Technikmetropole. Ein kulturelles Highlight war der Besuch des Ancestral Temples in Foshan, wo ich den traditionellen Lion Dance sehen konnte, der klassischerweise zum chinesischen Neujahrsfest aufgeführt wird.
Anfang März habe ich mein Praktikum erfolgreich abgeschlossen. Ich nehme weit mehr mit als nur tiefe Einblicke in die Softwarearchitektur. Ich habe gelernt, mich in fremden Kulturen durch schwierige Situationen zu beißen, neue Orte und Sitten kennenzulernen und jederzeit mutig Fragen zu stellen. Meine Koffer sind gepackt, denn ab April werde ich für ein Jahr in Japan studieren. Ich freue mich auf die nächsten Herausforderungen.