Teilhabe Gehörloser und Hörgeschädigter in unserer Gesellschaft
Eine taube Stipendiatin berichtet

Inna Shparber hat im Rahmen ihrer Arbeit als Sozialarbeiterin von 2019 bis 2021 ehrenamtlich bei der Frankfurter Stiftung für Gehörlose und Schwerhörige mit tauben Geflüchteten gearbeitet. Einen Treff für diese Menschen leitet sie bis heute. Die Stipendiatin der Dr. Arthur Pfungst-Stiftung ist selbst taub und studiert an der Alice Salomon Hochschule Berlin Soziale Arbeit im Master. Mit uns teilt sie ihre Erfahrungen.

 

Inna Shparber | Stipendiatin | Soziale Arbeit (Master), Alice Salomon Hochschule Berlin

Frau Shparber, was waren Ihre Aufgaben als Sozialarbeiterin bei der Frankfurter Stiftung für Gehörlose und Schwerhörige?
Meine ehrenamtliche Tätigkeit bestand darin, eine Beratungsstelle für taube geflüchtete Menschen anzubieten und die Menschen auf den Integrationskurs der Frankfurter Stiftung für Gehörlose und Schwerhörige aufmerksam zu machen. Außerdem habe ich Einzelkurse zum Deutschlernen sowie auch Kurse in deutscher Gebärdensprache angeboten und war eine permanente Vertretung des Integrationskurses.

Was ist Ihre Motivation, sich für taube Geflüchtete einzusetzen?
Es liegt eine große Dunkelziffer bezüglich der Anzahl tauber Geflüchteter vor. Im Jahr 2016 wurde die Zahl der tauben Geflüchteten auf circa 900 geschätzt. Bei der Registrierung der Asylsuchenden werden die Menschen jedoch nicht gefragt, ob sie taub sind. Es gibt insgesamt sehr wenig Informationen über taube Geflüchtete. Daher weiß ein Großteil der Menschen in Deutschland auch kaum etwas über diese Thematik. Taube Menschen sind von der Mehrheitsgesellschaft, der (hörenden) Gesellschaft ausgeschlossen, sagt der englische Gehörlosenwissenschaftler Paddy Ladd. Auch unter den Geflüchteten sind sie nur eine Randgruppe. Darüber hinaus fehlt Geflüchteten, die taub sind, sehr häufig die Gebärdensprachkompetenz sowie die Identität als tauber Mensch.

Sie haben zudem einen sogenannten Deaf-Treff gegründet („deaf“ = engl. für taub), eine Anlaufstelle für gehörlose und schwerhörige Menschen mit Fluchthintergrund. Welche Ziele verfolgt dieser Treff?
Aus den oben beschriebenen Gründen, dass taube Geflüchtete oft sowohl aus der Tauben-Community des jeweiligen Asyllandes als auch aus der Gruppe der hörenden Geflüchteten ausgeschlossen sind, habe ich mich entschlossen, einen Deaf-Treff für taube geflüchtete Menschen ins Leben zu rufen, den ich bis heute leite. Im Treffpunkt und unter den Teilnehmenden hat sich in der vergangenen Zeit eine intensive, starke Verbundenheit aufgebaut. Das Ziel meiner sozialarbeiterischen Tätigkeit ist die Betreuung von Bildung, Mitbestimmung und persönlicher Weiterentwicklung. Zudem zielt der Deaf-Treff auf die Inklusion von Menschen in allen Bereichen des sozialen Lebens sowie auf die Stärkung und das Empowerment von Einzelnen und Gruppen ab.

Darüber hinaus gibt es den Deaf-Treff mit der Idee eines Konzepts für Community Work in deutscher Gebärdensprache, der einmal in der Woche angeboten wird. Dort wird auf kultureller Grundlage die eigene Identitätsbildung, genauer, die Findung einer tauben Identität unterstützt. Außerdem wird Aufklärungsarbeit zu diversen Themen geleistet.

Ein wichtiger Punkt beim Austausch ist das Kennenlernen der Teilnehmenden untereinander, um so ein breites Wissen über die eigene und auch die deutsche Kultur zu erlangen. Ein Verständnis füreinander kann durch vergleichbare Lebenserfahrungen aufgebaut werden. Die Treffen sind hierbei an den Bedarfen der teilnehmenden tauben Geflüchteten orientiert. Themen sind zum Beispiel Aktivitäten der Tauben-Gemeinschaft und der Austausch über verschiedene Ordnungen und Systeme der verschiedenen Staaten sowie über allgemeines Wissen und gemeinsame bzw. unterschiedliche Erfahrungen.

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Welche Hürden gibt es bei der Verständigung mit tauben Geflüchteten und wie lösen Sie diese?
Wussten Sie, dass die Gebärdensprache von Land zu Land und sogar innerhalb eines Landes aufgrund von unterschiedlichen Sprachen und Dialekten der Gebärdensprache sehr unterschiedlich ist? Die Kommunikation mit tauben Geflüchteten variiert je nach Person und ist davon abhängig, ob sie die einheimische Gebärdensprache oder International Sign, die internationale Gebärdensprache beherrschen. Einige taube Geflüchtete lernen in Deutschland zum ersten Mal Gebärdensprache, also die Deutsche Gebärdensprache. Falls wir im Treff keine gemeinsame Sprache haben, versuchen wir durch Gestiken, aber auch durch Bilder miteinander zu kommunizieren. Das ist bei einigen Themen, z.B. wenn es um formelle Dinge wie die Beantragung von Pässen oder den momentanen Stand des Asylprozesses der jeweiligen Person geht, schwierig, aber wir versuchen in der Praxis Dinge oft zu wiederholen und verständlich zu kommunizieren.

Welche Erfahrungen haben Sie durch Ihre ehrenamtliche Tätigkeit bisher gesammelt?
Ich nehme meine Arbeit als sehr bereichernd wahr und konnte bisher viel durch den Deaf-Treff lernen. Zum einen habe ich gelernt, wie Menschen Dinge und schwierige Situationen gemeinsam meistern können, indem sie sich gegenseitig unterstützen und Wissen weitergeben und teilen. Außerdem hat mir die Arbeit in der Stiftung für Gehörlose und Schwerhörige noch einmal gezeigt, wie stark der Blick der Mehrheitsgesellschaft auf Geflüchtete oft von Mitleid geprägt ist. Dabei darf man geflüchtete Menschen, ihr Wissen und ihre Erfahrungen nicht unterschätzen.
Ich habe viel durch die Geschichten und Fluchterfahrungen der Teilnehmenden lernen können und gemerkt, dass ich meine Perspektive wechseln kann – weg von einem Bild, was die Mehrheitsgesellschaft über taube Geflüchtete hat. So habe ich gelernt, dass es ein Vorurteil ist, dass Geflüchtete des Geldes wegen nach Deutschland kommen, es gibt viele verschiedene Gründe dafür, warum eine taube Person ihr Heimatland verlässt.

Wie meistern Sie Ihr Studium als taube Studentin, welche Hilfestellungen und Herausforderungen gibt es?
Ich studiere im Master „Soziale Arbeit – Kritische Diversity und Community Studies“; es ist ein Studium mit Gebärdensprachdolmetscher*innen. Sie sind bestimmt daran interessiert, wie ich als tauber Mensch zu diesem Studiengang gekommen bin bzw. wie das Studium als taube Studierende abläuft? Unser Studiengang an der Alice Salomon Hochschule findet in deutscher Lautsprache statt, deshalb werden die Seminare und Vorlesungen von Gebärdensprachdolmetscher*innen begleitet.

Um ein gelungenes Dolmetschen zu gewährleisten, ist ein Team von zwei Gebärdensprachdolmetscher*innen und ein(e) Schriftdolmetscher*in notwendig. Aufgrund dessen, dass der Stundenplan für das Wintersemester erst zwei Wochen vor Semesterstart veröffentlicht wurde, stellte sich eine Gewährleistung von einem Dolmetschteam für jede Sitzung als unmöglich dar. Da es generell in Deutschland einen Mangel an Dolmetscher*innen gibt, können nicht alle Seminare mit Gebärdensprachdolmetscher*innen abgedeckt werden. Momentan werden einige Seminare abwechselnd eine Woche mit Gebärdensprachdolmetscher*innen und die andere Woche mit Schriftdolmetscher*innen begleitet. Beides gleichzeitig ist leider nicht möglich. Das stellt ein strukturelles Problem dar. Es ist schwierig unter diesen Umständen gut und gleichberechtigt an den Seminaren teilzunehmen. Vor allem bei den Terminen, bei denen nur Schriftdolmetschen gewährleistet ist.

Wie erleben Sie taube Menschen und sich selbst in einer hörenden Mehrheitsgesellschaft?
Ich bin taub und sehr glücklich. Selbstverständlich gibt es Schwierigkeiten im Alltag und strukturelle Hürden. Wir können zum Beispiel nicht einfach spontan einen Termin bei der Bank oder Ärzt*innen wahrnehmen, sondern müssen einen Termin weit im Voraus vereinbaren, um dafür Gebärdensprachdolmetscher*innen suchen zu können. Wussten Sie, dass taube Menschen sehr selten zu hörenden Menschen werden wollen? Ich bin froh taub zu sein und eine taube Identität zu haben. Ich finde die taube Kultur so schön, dass ich nicht zu einem hörenden Menschen werden will.

Viele Menschen haben Berührungsängste im Umgang mit tauben oder schwerhörigen Menschen. Welchen Tipp haben Sie für Hörende, um diese Hemmschwellen zu durchbrechen?
Innerhalb unserer tauben Gemeinschaft haben wir weniger Berührungsängste und sind offener und direkter in unserer Kommunikation. Wenn wir innerhalb unserer tauben Gemeinschaft Menschen auf uns aufmerksam machen oder mit ihnen kommunizieren wollen, klopfen wir ihnen einfach auf die Schulter. Das scheint für viele hörende Menschen erstmal ungewohnt und nicht selbstverständlich zu sein, ist für uns aber ganz normal.
Ich möchte keinen Tipp im klassischen Sinne geben, um die Hemmschwelle von hörenden Menschen gegenüber tauben Menschen zu reduzieren. Ich denke was immer hilft ist, wenn man versucht sich gegenseitig zu verstehen, auf die Erfahrungen der anderen Menschen einzugehen und offen für die andere Kultur zu sein. Sogar ein Augenkontakt, so nehme ich es oft wahr, ist für viele Hörende sehr schwer. Das wäre vielleicht ein erster Versuch, auf uns zuzugehen: sich in die Augen zu schauen und sich gegenseitig wahrzunehmen. Es ist für uns wichtig, dass die hörenden Menschen dafür offen sind.



Die Frankfurter Stiftung für Gehörlose und Schwerhörige

Die Frankfurter Stiftung für Gehörlose und Schwerhörige mit Sitz in Frankfurt am Main setzt sich für Barrierefreiheit, Chancengleichheit, gleichberechtigte Teilhabe und Selbstbestimmung für taube und schwerhörige Menschen in Frankfurt und Umgebung ein. Sie unterhält zudem das Gehörlosen- und Schwerhörigenzentrum in Frankfurt. Hier finden u.a. Gebärdensprachkurse, Veranstaltungen und Vorträge für Gehörlose und Schwerhörige statt. Ihr Ziel ist es, die Entfaltung hörbehinderter Menschen zu fördern und zu deren Identitätsbildung beizutragen.
Weitere Informationen finden Sie unter: www.glsh-stiftung.de

Dr. Arthur Pfungst-Stiftung: Wir ermöglichen Bildungschancen

Mit unserem Stipendienprogramm fördern wir die Teilhabe an Bildung in Deutschland. Unsere Stipendien richten sich an begabte junge Studierende aus einkommensschwachen Familien. Von Bildungsmöglichkeiten darf niemand ausgeschlossen sein. Und wir als Stiftung wollen unseren Teil dazu beitragen, dass alle Gesellschaftsschichten und auch Menschen mit Behinderung ihr Grundrecht auf Bildung geltend machen können. Wir haben die Teilnahme von Stipendiatin Inna Shparber am ideellen Förderprogramm mit großzügiger Unterstützung der Karl und Charlotte Spohn Stiftung für Gebärdensprachdolmetscherkosten ermöglicht. So konnte sie an zwei Ganztagesveranstaltungen der Dr. Arthur Pfungst-Stiftung teilnehmen. Wir danken der Karl und Charlotte Spohn Stiftung für die Förderung, die Frau Shparber eine Teilhabe an den Stiftungsaktivitäten der Dr. Arthur Pfungst-Stiftung sicherte und sie mit den hörenden Stipendiat*innen gut in Kontakt kommen ließ.

 

 

 

 

 

 

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