Kollektives Engagement in Äthiopien: Einblicke in das Projekt „Peace Lab Ethiopia“

Stipendiatin Sandra Kebede nimmt uns mit nach Äthiopien. Nach ihrem Auslandssemester in Addis Abeba initiierte sie gemeinsam mit einer Freundin das internationale Friedensprojekt „Peace Lab Ethiopia“. Sie berichtet von der Idee, der Umsetzung, den Zielen und Herausforderungen – und wie das Projekt weiterwirkt.

Bild: Peace Lab Ethiopia / Merid Andualem


Erfahrungsbericht

von Sandra Kebede

Am Abend meiner Masterwahl rief ich meine beste Freundin und Psychologiestudentin Eliana an und sagte ihr, dass wenn ich mich für Friedens- und Konfliktforschung in Frankfurt entscheide, ich mich auch dafür entscheide, mit ihr gemeinsam ein internationales Projekt mit Friedensbezug zu organisieren. Ohne zu wissen, wie so etwas möglich werden könnte, versprachen wir einander, ein Projekt zu initiieren. Im Dezember 2024 stießen wir auf die Ausschreibung des Projects for Peace des Middlebury College, das internationale Friedensprojekte unterstützt. Mit der Idee, nach meinem Auslandssemester in Äthiopien – im Land unserer Eltern – gemeinsam mit anderen diasporischen Studierenden eine Summer School für Oberstufenschülerinnen zu Friedensthemen aufzubauen, erhielten wir im Februar 2025 den Grant. Von da an hatten wir sechs Monate Zeit, um das Peace Lab Ethiopia Wirklichkeit werden zu lassen.

Das Projekt widmete sich den zentralen Herausforderungen junger Menschen in Äthiopien – begrenztem Zugang zu Bildung und sozialer Ungleichheit. Ziel war es, Jugendlichen praktische Kompetenzen zu vermitteln, um selbst zu aktiven Gestalterinnen von Frieden und Entwicklung zu werden. Dafür nahmen sechzehn Schülerinnen des staatlichen Mädcheninternats Menen Secondary School an einem siebentägigen Workshop teil, der friedensrelevante Themen praxisnah aufgriff.

Das Peace Lab wurde gemeinsam mit dem Institute for Peace and Security Studies (IPSS) der Addis Ababa University umgesetzt. Die Workshop-Woche begann mit einem Bonding Day, der das Gruppengefühl stärkte und Themen spielerisch einführte. In den folgenden Tagen standen Landwirtschaft, digitale Kompetenzen, Klimawandel, Geschlechtergerechtigkeit und Advocacy auf dem Programm, bevor die Woche mit einer öffentlichen Präsentation endete. Die Tage verbanden theoretische Grundlagen mit praktischen Übungen, Exkursionen und Mentoring. Besonders wichtig war, dass die Speakerinnen als Vorbilder und Wegbereiter präsent sind. Durch diesen erfahrungsbasierten Ansatz konnten die Schülerinnen das Gelernte direkt anwenden und ihre Perspektiven erweitern.

 

Sandra Kebede | Stipendiatin, Friedens- und Konfliktforschung (Master), Universität Frankfurt am Main

 

 

»Für die Projektbeteiligten veränderte
„Peace Lab Ethiopia“ den Blick auf Frieden
und Zusammenarbeit grundlegend.«

 

 

 

Addis Abeba als Projektort war bewusst gewählt. Die Hauptstadt vereint Vielfalt und Dynamik, steht aber auch vor sozialen und strukturellen Ungleichheiten, die durch politische Spannungen verstärkt werden. Lokale Kooperationen v.a. mit dem IPSS sowie auch dem Ethiopian Science Museum und Entoto Park ermöglichten praxisnahes Lernen, während Beiträge von Vertreter*innen der Afrikanischen Union und lokaler Techunternehmen den Realitätsbezug stärkten. Trotz kleiner Anpassungen im Ablauf verlief das Projekt weitgehend planmäßig. Das Peace Lab hat den Grundstein für eine nachhaltige Fortführung gelegt: Das IPSS plant, das Programm regelmäßig mit neuen Studierendengenerationen fortzusetzen und damit eine dauerhafte Plattform für Austausch und Friedensbildung zu schaffen. Das entstandene Netzwerk zwischen Schule, Hochschule und Praktikern stärkt perspektivisch die Stimme junger Frauen in Äthiopien.

Im Zentrum des Projekts und der Arbeit daran stand ein aktives Verständnis von Frieden – nicht als die Abwesenheit von Konflikten, sondern als gelebte Gerechtigkeit, Teilhabe und Verantwortung. Frieden zeigte sich in der gemeinschaftlichen Betrachtung von Lösungsansätzen. Kurzfristig führte das Projekt zu sichtbaren Erfolgen: Die Schülerinnen gewannen Selbstvertrauen, übernahmen Führungsrollen und entwickelten eigene Initiativen. Langfristig entstehen Strukturen wie ein Umweltclub an der Partnerschule und ein Lehrformat am IPSS, das Friedensbildung verankert.

Bild: Peace Lab Ethiopia / Merid Andualem

Natürlich blieb die Umsetzung nicht ohne Herausforderungen. Unterschiede in Arbeitsstilen, Erwartungen und Kommunikationsformen zwischen dem überwiegend in Deutschland sozialisierten Team und den äthiopischen Partnern erforderten gegenseitiges Verständnis. Durch offene Gespräche, Feedbackrunden und gemeinsames Lernen entstanden jedoch Brücken, die kulturelle Unterschiede überwindbar machten. Diese Erfahrungen schärften das Bewusstsein für interkulturelle Zusammenarbeit und die Bedeutung flexibler, respektvoller Koordination. Für die Projektbeteiligten veränderte Peace Lab Ethiopia den Blick auf Frieden und Zusammenarbeit grundlegend. Besonders prägend war die solidarische Energie und Zielfokussiertheit der Schülerinnen, deren Engagement weit über den Workshop hinauswirkte. Frieden wurde dadurch erfahrbar – als ein lebendiger Prozess, der durch Kooperation und Vertrauen wächst.

Das Projekt hat gezeigt, wie stark kollektives Engagement wirkt, wenn Menschen eine gemeinsame Vision teilen. Peace Lab ist zu einer echten Gemeinschaft von Gestalterinnen und Gestaltern geworden – weit über den gemeinsamen Bildungsweg hinaus und verbunden mit der Hoffnung, dass es noch so viel mehr Frieden zu gestalten gibt.

 

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