Workshop „Storytelling“: Mit Erzählung überzeugen!
Geschichten begegnen uns fast überall. Doch was macht eine gute Geschichte aus? Wie lassen sich Botschaften durch Erzählen am besten vermitteln? Das lernten Stipendiaten der Stiftung beim Workshop mit Simon Wolf. Mit ihm haben wir über das Storytelling gesprochen und erfahren, wo und wie diese Methode der Kommunikation wirksam genutzt werden kann.

Bild: Dr. Arthur Pfungst-Stiftung/Nadine Zeidler
Herr Wolf, warum ist Storytelling eine so wirksame Methode, Informationen anschaulich und nachhaltig zu vermitteln?
Wir denken in Bildern, in Figuren und in Geschichten: Sei es ein spannendes Gespräch, der letzte Urlaub oder die Situation, in
der uns schlagartig eine neue Erkenntnis gekommen ist. Weil wir vielfach in Geschichten denken, ist auch die Kommunikation über gute Stories so wirksam. Ein zweiter wichtiger Faktor sind die Emotionen: Menschen hören, wie es der Hirnforscher Manfred Spitzer einmal gesagt hat, nichts lieber als Geschichten über andere Menschen. Und das hat einen praktischen Grund: In einer gut erzählten Geschichte entwickelt sich eine Dynamik zwischen den Personen, die den Kern der Geschichte ausmachen. Hier entstehen Emotionen, und zwar sowohl beim Erzählen der Geschichte als auch beim Zuhören. Die Emotionen beim Erzählen versetzen uns in die Lage, noch lebendiger zu schildern. Und die Emotionen, die bei den Zuhörenden entstehen, sorgen dafür, dass die „Moral von der Geschichte‘“ sehr anschaulich wird und auf verschiedenen Ebenen verarbeitet werden kann. Dadurch bleibt sie nachhaltig in Erinnerung.
Was macht gutes Storytelling aus?
Das wichtigste Element einer guten Story ist ihre Grundstruktur. Es lohnt sich sehr, diese Struktur sorgfältig auszuarbeiten und, wenn nötig, auch in mehreren Schritten zu optimieren. Der Kern einer guten Story ist immer ein Problem – es gilt das Prinzip „keine Story ohne Problem“. Diese Herausforderung entwickelt sich, manchmal auch ganz überraschend, aus einer alltäglichen Situation. Gegen Ende der Story ist das Problem gelöst, und die beteiligten Personen finden sich in einer neuen Situation wieder. In manchen Stories fassen die Beteiligten zum Schluss noch mal ausdrücklich zusammen, was sie entdeckt oder gelernt haben.
Welche Techniken sind besonders wichtig, um Geschichten überzeugend zu erzählen?
Damit die Geschichte lebendig wird und das jeweilige Publikum mitnimmt, müssen auch die Personen sehr echt und glaubwürdig sein, die in der Geschichte auftreten. Deswegen ist es für die Ausarbeitung der Geschichte sinnvoll zu überlegen, wie die einzelnen Personen geschildert werden können. Häufig reichen dafür einige wenige Sätze. Wenn ich zum Beispiel sage „Ich hatte in der Schule so eine richtig typische Mathelehrerin…“, dann sind mit einem kurzen Satz schon viele Assoziationen geweckt. Natürlich ist damit auch das Risiko verbunden, dass wir zu einem stereotypisierenden Denken anregen oder uns selbst in diesen Stereotypen verfangen. Beides darf nicht passieren. Aber die Erzähl-Forschung hat herausgearbeitet, dass in guten und erfolgreichen Geschichten immer wieder eine Gruppe ähnlicher Grundfiguren (Archetypen) auftauchen. Und wenn es beispielsweise um eine weise Großmutter oder einen echten Freund geht, dann nutzen wir lebhafte positive Bilder, durch die eine Geschichte sehr authentisch wird.
»Der Kern einer guten Story ist immer ein Problem […].«
Simon Wolf | Coach, Trainer und Berater für Kommunikation
Haben Sie ein Beispiel, wo eine Story nachhaltig gewirkt hat?
Barack Obama war und ist ein Meister des Storytellings. Als er während seiner Präsidentschaft Zustimmung für die verpflichtende
Krankenversicherung gewinnen wollte, kam er in eine schwierige Situation: Die oppositionelle republikanische Partei hatte mit „Obamacare“ einen eigenen Kampfbegriff erfunden, um die Versicherung zu verhindern. Auch generell gab es in den USA keine Tradition, aus der heraus die verpflichtende Krankenversicherung leicht umzusetzen gewesen wäre. Bei einem Wahlkampfauftritt in Ohio hat Obama dann die Geschichte der Krebsüberlebenden und Leukämie-Patientin Natoma Canfield erzählt. Er hat mit wenigen Sätzen von ihren Erfahrungen und ihren Schwierigkeiten berichtet. Und von einem Moment auf den anderen hat er einen ganzen Saal von der Krankenversicherung überzeugt, er hat sein Publikum mitgerissen für ein komplexes und umstrittenes Thema.
Wie kann Storytelling im Studium zum Einsatz kommen?
Im Studium geht es immer wieder darum, Wissen zu erarbeiten, zu verarbeiten oder anzuwenden. Bei allen diesen Schritten helfen anschauliche Beispiele, und diese können auch in Form einer guten Geschichte erzählt werden. So ist es durchaus schon gut und wirksam, in einem Referat ein praktisches Beispiel zu nennen. Deutlich nachhaltiger wirkt dieses Beispiel aber, wenn es wirklich als eine kurze Story vorgetragen wird. Dafür reichen schon kleine Veränderungen, zum Beispiel der einleitende Satz „Stellt Euch vor, dass…!“ Mit guter Grundstruktur, passender Personenschilderung und einem klaren erzählerischen Ziel entsteht in wenigen Sätzen eine anschauliche Story. Wenn das Publikum dabei auch mal zum Schmunzeln, Nach- oder Weiterdenken kommt, dann bleiben die Inhalte deutlich besser im Gedächtnis. Diese Wirkung ist zum Beispiel auch aus dem Jurastudium bekannt. Dort wird sogar empfohlen, sich die abstrakte Materie anhand konkreter Beispiele zu merken.
Wie kann Storytelling in der Arbeitswelt unterstützen?
Gerade in der Arbeitswelt finden sich gute Geschichten an sehr vielen Stellen – aber erst auf den zweiten Blick. Eine große Hürde für Stories im Berufsleben besteht erstmal darin, dass Geschichten als unangemessen oder gar unprofessionell empfunden werden können. Und doch wird das Unternehmensprofil häufig anhand konkreter Beispiele erzählt, der Unternehmenszweck wird in Bildern ausgedrückt, und nicht zuletzt wird die Unternehmensgeschichte in ganz bewusster Weise präsentiert. Auch darüber hinaus ist das Storytelling in der Arbeitswelt wertvoll und wirksam: Zum Beispiel bei Gesundheitstipps, Sicherheitsschulungen oder in der Sensibilisierung für ressourcenschonendes Arbeiten. Ein wichtiger Tipp für das Storytelling im Beruf bezieht sich daher darauf, wie die Story eingeführt wird. Großen Widerstand würde eine Einleitung erzeugen, die mit den Worten „Ich möchte Ihnen mal eine Geschichte erzählen…“ beginnt. Wesentlich leichter gelingt es wiederum mit der Formel „Stellen Sie sich vor…“.